3. Oktober 1990 – Eine Wiedervereinigungsgeschichte – Mauerfall – Wiedervereinigung – Deutsche Einheit – Mauerstücke
Eine Geschichte zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober
Der 3. Oktober 1990
© Renate Parschau
Der 2. Oktober 1990 ist sonnig und mild. Joanna muss arbeiten, während ich mit Lorenz und Torsten auf dem Weg ins Zentrum bin. Wer nicht einen zwingenden Grund hat, sollte schon dabei sein, wenn in dieser Nacht die DDR aufhört zu existieren. Ein neuer Staat wird entstehen. Ein Feuerwerk soll es geben und das „Deutschlandlied“ darf gesungen werden. Ab Mitternacht.
Mit der S-Bahn bis Alex, zu Fuß die Spandauer Straße entlang, am Dom vorbei. Die Volkskammer links gegenüber hat bereits aufgehört zu funktionieren, aus ihren großen stumpfen Fenstern sind dunkle Löcher geworden. In der großen Glasfassade des Palastes der Republik spiegelt sich die milchig über dem Brandenburger Tor untergehende Sonne. Bis vor fast einem Jahr Symbole für die Teilung der Stadt. Die Sonne und das Tor: Wer konnte sonst schon sagen „Ätsch, heute Abend bin ich im Westen!“ Das Brandenburger Tor war aufgegangen. Einfach so. Ohne Glockenschlag. Ohne Musik von Mussorgski. Und ab heute Nacht null Uhr sind wir alle im Westen, ob im Osten oder im Westen. Im Westen. Endlich im Westen. Oder?
Und niemand, weder im Osten noch im Westen, kann sich ein Bild davon machen, wie das wirklich sein wird.
Der Geruch von Champignons in Knoblauchsoße ist das Erste, was wir wahrnehmen. Wir tauchen ein in die dichter werdende Menschenmenge, die sich zwischen Imbiss- und Getränkeständen Unter den Linden schiebt. Vorbei am Museum für Deutsche Geschichte, der Staatsoper und der Humboldt-Universität, der Staatsbibliothek in Richtung der ehemaligen Grenze. Aber an Essen mag ich jetzt nicht denken. Ich habe keinen Appetit und – wie immer in solchen Situationen – Angst vor Gedränge und Rempeleien. Aber es ist trotz der vielen, vielen Menschen eher ruhig. Irgendwie sogar ein wenig feierlich, so wie Weihnachten, kurz vor der Bescherung. Aus dem Lautsprecher unter der Straßenlaterne, kurz vor dem Pariser Platz, keine 15 Meter vor der Otto-Grotewohl-Straße wird Marta Agerich oder Annerose Schmidt gespielt, mit dem Concertgebouw-Orchester oder dem der Wiener Staatsoper. Unter Riccardo Muti. Oder doch Herbert von Karajan? Vielleicht. Aber das ist inzwischen sowieso egal. Ich plärre immer, wenn der zweite Satz gespielt wird: eine herrliche Kantilene in der Oberstimme, bei der sich über einem sanften Triolenteppich in der rechten Hand das Thema aus einem Quart-Sext-Akkord nach oben herausschält. Dreier-Takt der Triolen links gegen Vierer-Rhythmus in der Oberstimme. Einmal klingt der Dreier- gegen den Vierertakt so, als würden zwei zusammenspielen, die sich über das Taktmaß nicht einigen können. Dann wieder entstehen durch gerade diese Verschiebungen Querstände und Reibungen wie in den Werken des 20. Jahrhunderts, fast atonal. Und dann lösen sich alle diese Kontraste und Spannungen in unnachahmlicher Harmonie auf. Genial! Lorenz, der mir in solchen Situationen immer verschämt ein Taschentuch hinschiebt, ist gerade mit seiner Nase beschäftigt, obwohl er keinen Schnupfen hat. Nur Torsten redet unbekümmert von unserer gemeinsamen Italienreise in zwei Tagen. Ob die Kinder Taschengeld bekommen oder wir zu viert eine gemeinsame Kasse haben werden. Ich schüttele den Kopf und beobachte ein junges Paar: Sie sitzt auf seiner Schulter, beide rauchen still und summen die Musik mit. Nirgends ist Lärm, niemand, der laut lacht oder sich über „Klassische Musik“ lustig macht. Ich flenne immer noch, oder schon wieder und bekomme wieder kein Taschentuch.
Irgendwann klingen Vivaldis „Jahreszeiten“. Irgendwann werden über Lautsprecher Reden übertragen. Und schließlich die 12 Schläge der Uhr des Schöneberger Rathauses. Die mischen sich schon mit den Böllerschüssen des Feuerwerks. Es sind 12 Glockenschläge. Sogar fünf mehr als bei Mussorgski im „Großen Tor von Kiew“.
Das „Große Tor von Berlin“ ist seit fast einem Jahr offen.
Wir haben den 3. Oktober 1990.
„Auferstanden aus Ruinen
und der Zukunft zugewandt.
Lasst uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland.“
Wegen der letzten Textzeile durfte in der DDR die Staatshymne schon lange nicht mehr gesungen werden. „Intonieren“ nannte man die Instrumentalfassung. Ausgerechnet jetzt, wo wir sie wieder singen könnten, brauchen wir sie nicht mehr.
…
Wie diese Geschichte weitergeht, erfahren Sie in dem Buch

Mauerstücke – Erinnerungsgeschichten
Hrgs. Bettina Buske und Patricia Koelle
ISBN 978-3-939937-08-1
180 Seiten
30 Farbfotos
Vorwort Walter Momper (Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses)
Geleitwort André Schmitz (Kulturstaatssekretär von Berlin)
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